DAGMAR CALAIS - MALERIN

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"Farbgewaltig, ungestüm und anstößig", so schrieb der Kisch-Preisträger Kuno Kruse im "Stern" über Dagmar Calais. Das ist einige Jahre her, doch stärker denn je hat diese Aussage ihre Gültigkeit. Wie kaum andere zeitgenössische Künstler greift Dagmar Calais auf eine Farbpalette zurück, die so gar nichts mit der schon fast verhalten-modisch anmutende Bildsprache zahlreicher Künstler unserer Zeit zu tun hat. Da steht ein leuchtendes Rot einem tiefen Schwarz gegenüber, begleitet von Türkis, Orange, Weiß und einem satten Gelb.
Wie die Expressionisten schert sich die Künstlerin nicht um harmonieversessene Farbkreationen, sondern gewichtet die Farben nach ihrem emotionalen Ausdruckswert. Und der findet sich in der Wahl ihrer Bildinhalte.

Häufig greift sie auf Geschichten der griechischen Mythologie, aber auch auf Heiligenlegenden und biblische Gestalten zurück, ohne dabei die Landschaft oder das Menschenbild der heutigen Zeit zu vernachlässigen. Gerade das dramatische Geschehen, das in vielen ihrer Bilder geschildert wird, provoziert sie zu ausdrucksstarken Farbkombinationen, die diese Dramatik noch zusätzlich erhöht. Eindrucksvoll ist, dass sie die in der Kunstgeschichte wohlbekannten Themen an der Gegenwart spiegelt und ihnen somit einen aktuellen Bezug gibt.
Ihre Malweise kann in der Tat als ungestüm bezeichnet werden, denn dünner Farbauftrag ist nicht ihre Sache, längst schon reicht ihr der Pinsel nicht mehr, Spachtel ersetzen ihn und Pinselstiele strukturieren die Farbmassen, so dass oft eine fast reliefartige Bildoberfläche entsteht.
Dabei sind die Figuren, trotz ihrer gestischen Herangehensweise wohlgesetzt und anatomisch genau beobachtet. Die Landschaften und Interieurs folgen in der Anlage perspektivischen Gesetzen und die Farbwahl den eigenen Vorstellungen der Künstlerin vom tiefen Wesen des Dargestellten.
Und ihre Malerei "stößt an", denn bei zahlreichen ihrer Menschenbilder, oder besser Ihrer Frauenbilder nimmt die Erotik einen selbstverständlichen Raum ein, ohne dass sie ins Vulgäre abgleiten.
Während den erotischen Zeichnungen und Bildern von Schiele, Klimt, Rodin oder Picasso längst hohe Akzeptanz zuteil wurde, wird der Blick von Künstlerinnen auf die eigene Geschlechtlichkeit auch heute noch weitgehend tabuisiert oder bestenfalls mit einem Naserümpfen begleitet.

Dagmar Calais hat den Mut zum künstlerischen Anachronismus, indem sie Themen wählt, die entweder als Anlass intellektueller Auseinandersetzung heute nicht mehr geeignet erscheinen, oder den Betrachter durch ihre unbekümmert erotische Sichtweise erschreckt und sich zudem einer Farbpalette bedient, die sich gegen die glatte Gelegenheitskunst anzustemmen versucht. Gerade all das zusammengenommen unterstreicht jedoch ihre künstlerische Autonomie und macht sie zu einer einzigartigen Künstlerin, deren Name sich eines Tages in den Annalen der Kunst wiederfinden wird.

Chris Steinbrecher
Kunsthistoriker

DAGMAR CALAIS - PAINTER

"Powerful colors, impetuour, offensive ", the Kisch-awarded Kuno Kruse once wrote in the weekly "Stern" about the art of Dagmar Calais. He started this some years ago, but it is more than ever true. Unless other contemporary artists, Dagmar Calais uses a gamut of colors that has nothing to do with the almost restraint-fashionable images of many artists of or time. In her art a bright red oppesites a deep black, accompanied by turquoise, orange, white and a rich yellow.
Like the expressionists she does not care about the harmony-striving color-creations, but evaluates the colors by their emotional articulacy. And that is to be found in her chioce of the contents of her paintings.

She often refers to legends of the Greek mythology as well as legends of the Saints or biblical figures without neglecting landscapes and the modern perception of man-kind. The dramatic scenery of her paintings inspires her to use expressive colors in order to increase the drama. It is quite impressive that she is using well-known subjects of the art-history and mirrors them with contemporary contents.
Her technique is likely to be called rough, thin color-application is not her thing, a brush is not enough and is replaced by a palette knife, the color is structured by the brush-stick and creates a relief-like surface. But despite this wild approach, her figures are well-adjusted and anatomically correct observed. The landscapes and interiors follow the rules of perspective and the color-choice follows the artists own imagination of the deep being of the depiction.
Her art might also be offensive, because in many of her paintings, especially those on women, eroticism takes up a natural space without sliding into vulgarity. While erotic drawings by male artists like Schiele, Klimt, Rodin or Picasso are widely accepted, the perception of their own sexuality of female artists is mostly a taboo subject.

Dagmar Calais has the courage to choose topics that seem to be anachronistic and unsuitable for today's intellectual discussions, the carefree erotic point of view migth scare the observer and she is using a strong coloration that tries to oppose the casual art. But all that put together underlines her artistic independence and makes her an unique artist whose name will go down in the annals of art one day.

Chris Steinbrecher
Art Historian